Die Bauern hatten sich noch nicht von der Wintereinquartierung erholt, da verkündeten Trommeln nur wenige Tage nach dem Abzug des Cronbergers auf dem Anger neue Soldaten. Bange Gesichter bei der Bevölkerung, nur ein Durchzug oder blieben sie länger? Letzteres sollte geschehen.
Der Quartiermeister, der einen sicheren Blick für „gangbare‟ Häuser hatte, legte die Infanterietruppe ins Quartier. Widerpart durfte nicht gehalten werden. In manche der großen Bauernhäuser zog nun gleich eine Korporalschaft ein und die eigentlichen Bewohner konnten sich glücklich schätzen, wenn für sie noch eine kleine Kammer blieb. Bei den Hintersiedlerhöfen war das nicht so, da wurden die Bauern gleich in die Ställe und Scheunen umquartiert. Auch der Herr von Harstall stand hilflos dabei. Seine Söhne waren bereits im Felde und dienten in unterschiedlichen Heeren; machtlos musste er erleben, wie erneut die hohen Offiziere ins Graue Schloss einzogen.
Zunächst gab es eine Sammlung zur „Unterstützung der gerechten Sache‟. Wer nicht zahlte oder zahlen konnte, der ging schweren Zeiten entgegen.
Die Mihlaer machten nun Bekanntschaft mit einem anderen kaiserlichen Obristen, der allerdings hinsichtlich seines Umgangs mit Bauern wohl keine Spur besser als der Cronberger war, mit Johann Reichsgraf vom Merode. 1598 geboren, war er bereits ein Veteran des Krieges. Seine Karriere hatte in spanischen Diensten begonnen, ehe er dann mit seinem Regiment an der Niederschlagung des böhmischen Aufstandes beteiligt war. Zum Dank für seine dortigen Dienste wurde er vom Kaiser 1622 in den Stand eines Reichsgrafen erhoben. Mit Wallenstein und Tilly zog Merode mit seinen Kompanien 1628 gen Norden im Kampf gegen die Dänen und die restlichen Truppen der Union.
Aber Eile war nicht geboten, nirgends zeigte sich ein ernsthafter Feind und so konnte man sich im Thüringischen erst einmal von den bisherigen Strapazen gut erholen! Die Leidtragenden waren nun die Dörfer, in denen sich seine Kompanien einquartierten, unter anderem Mihla. Insgesamt 30 Wochen und drei Tage, so berichtet es Pfarrer Himmel im Kirchenbuch, blieben die „Merodischen Völker‟ im Ort.
Erst im August 1628 verließen sie Mihla, wohl Hals über Kopf, da ein entsprechender Befehl eingegangen war und die „schöne Zeit‟ in Mihla beendete.
Am 12. August 1628 vermerkte Pfarrer Himmel: „begraben eines Soldaten Kindlein, 20 Wochen alt, war zu Krauthausen ehrlich geboren und getauft, dieß begräbnis geschah morgens früh um 5 Uhr, weil das Kriegsvolk, damals Gott Lob und Dank eben mußte fortmarschieren.‟
Sicher gab es ein großes Aufatmen bei allen Bewohnern. Nun schien es wieder so, als könne der Krieg zu Ende gehen. Zwar waren die Protestanten in Deutschland überall unterlegen, um ihre Sache schien es sehr schlecht zu stehen – aber wer sollte denn nun noch kämpfen wollen?
Da drangen aber schon neue Nachrichten über die wenigen noch funktionierenden Postlinien auch in unsere Gegend: Der Kaiser habe den General Wallenstein abberufen, er sei wohl dem Habsburger zu mächtig geworden.
Wollte Wallenstein selbst nach der Krone greifen? Auf jeden Fall war dies auch ein gutes Zeichen, denn die Namen Wallensteins und seiner Generäle waren zutiefst verhasst.
Aber dann: Die letzten protestantischen Bastionen im Reich wurden belagert. Man hörte von Stralsund. Diese Festung an der Ostsee konnten die Kaiserlichen nicht einnehmen, wohl aber die große Stadt Magdeburg. Hier war es wieder der Feldherr der Liga, Tilly, der nach langer Belagerung in die Stadt eindrang. Was sich dann an Schreckensnachrichten über das Vorgehen der entmenschlichten Soldateska in der Stadt herum sprach, ließ selbst diejenigen Menschen das Blut in den Adern gefrieren, die am eigenen Leibe bereits wild gewordene Söldner erlebt hatten. Über 30.000 Tote an einem Tag in der Stadt, ein furchtbares Blutbad! Sollte so der neue Glaube ausgerottet werden?
Dann eine neue Nachricht, beinahe ebenso unbegreiflich wie die von der Zerstörung von Magdeburg: Die protestantischen Schweden hätten in den Krieg eingegriffen, unter Führung ihres großen Königs Gustav Adolf, eines wahren „nordischen Helden‟, ein exzellenter Heerführer und aufrechter Protestant!
War dies die Rettung vor den Katholiken und ihrem Übermut? Manche schöpften Hoffnung, andere begriffen rasch, dass nun der Krieg wohl weiter gehen würde.
Und so kam es. Im Juli 1630 landete der Schwedenkönig mit einem starken Heer auf der Ostseeinsel Usedom und begann sofort seinen Vormarsch nach Süden. Rasch drängte er die deutschen Kurfürsten von Brandenburg und Sachsen zu einem Militärbündnis. Schon wurden wieder Söldner gesucht, auf kaiserlicher Seite. Die protestantische Union stand diesem nicht nach, sie bekam regelrecht neues Leben eingehaucht.
Der Krieg ging weiter und er wurde noch grausamer und brutaler.

Der Löwe aus dem Norden, König Gustav Adolf von Schweden, hier beim Gebet vor der Schlacht auf seinem berühmten Pferd „Streif‟. Sein Eingreifen in den Krieg 1631 führte zu einer enormen Brutalisierung der Kämpfe, aus: Bilder Deutscher Geschichte, Zigarettenbilderdienst, Hamburg 1936, Bild- Nr.: 38, Privatbesitz.

Die Schweden kommen – Der Große Krieg in den Jahren von 1630 bis 1640
Im Jahre 1630 setzte der schwedische König Gustav Adolf seinen Siegeszug nach Süden fort. Inzwischen im Bündnis mit mehreren deutschen Fürsten wandelte sich dabei die Zusammensetzung seines Heeres rasch. Immer mehr deutsche Söldner kämpften für die Schweden, wodurch sich die ursprüngliche strenge Disziplin der schwedischen Eliteregimenter bald lockerte. Die Folgen hatten die Bewohner in den Städten und Dörfern zu tragen. Vielerorts, gerade in den protestantischen Gebieten, hatte man auf die Schweden gehofft. Immerhin kamen nun die Glaubensbrüder, aber schon bald musste man feststellen, auch die Schweden kamen als Eroberer und sie hatten teilweise noch weniger Verständnis für die Situation der deutschen Bevölkerung.
Am 17. September 1631 trafen die Schweden bei Breitenfeld nördlich von Leipzig auf die kaiserlichen Truppen unter Tilly, der noch kurz zuvor die Stadt Magdeburg geplündert und dem Erdboden gleichgemacht hatte.
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Reitergefecht bei Ingolstadt. Hier am Lech erhielt auch der kaiserliche Feldherr Graf Tilly seine Todeswunde gegen die Schweden. Aus: Bilder Deutscher Geschichte, Zigarettenbilderdienst, Hamburg 1936, Bild-Nr.: 35, Privatbesitz.
Tilly wurde vernichtend geschlagen und konnte auch im folgenden Jahr den Vormarsch der Schweden in Süddeutschland nicht aufhalten. In der Schlacht bei Rain am Lech (14./15. April 1632) wurde er verwundet und zog sich nach Ingolstadt zurück, wo er am 30. April an den Folgen der Verwundung starb.
In dieser für die Katholiken beinahe ausweglosen Situation setzte Kaiser Ferdinand I. Albrecht von Wallenstein erneut zum kaiserlichen Oberbefehlshaber ein. Dieser rückte rasch mit einem in Böhmen neu aufgestellten Heer gegen die Schweden, konnte Gustav Adolf bei Nürnberg schwere Verluste beibringen und auch die norddeutschen Verbündeten des Schwedenkönigs zum Abfall bewegen. Daher musste Gustav Adolf seine rückwärtigen Verbindungen sichern und der Krieg verlagerte sich im Verlauf des Jahres 1632 wieder nach Norden, in die sächsischen Gebiete.
Dort kam es dann im November 1632 zur Schlacht bei Lützen in der Nähe von Leipzig, in der Wallenstein zwar verlor, aber der Schwedenkönig Gustav Adolf den Tod fand. Mit ihm fiel auch der kaiserliche General von Pappenheim, ein Mann, dessen Name gerade in der Werragegend und um Eisenach wohl der am meisten verhasste Name dieser Jahre war.
Hatten die vielen Durchzüge der Jahre 1630 bis 1632 immer wieder rasch wechselnde Einquartierungen für die Menschen in den Orten unserer Region gebracht, so kamen nun auch seit 1630 noch schwedische Truppen hinzu, gab es aber auch erste kleinere Kampfhandlungen.
1630 quartierten sich im Amt Creuzburg und in den nördlichen Gebieten des Eichsfeldes zahlreiche Regimenter des kaiserlichen Generals Tilly ein, die sich vor den Schweden nach Süden zurückzogen.
Schon im Jahr zuvor hatten einige Orte Kroaten kennengelernt. Diese groben Söldner vom Balkan, zudem auch katholisch, brachten eine neue Qualität des Plünderns in unsere Orte, so dass ihr Name noch nach einigen Jahrhunderten Angst und Schrecken auslöste. Im Herbst 1629 durchstreiften sie auch Mihla.
Die Beutezüge, Plünderungen und Forderungen nahmen bald ein solches Ausmaß an, dass die Menschen begannen, ihre Wohnungen zu verlassen, um im sicheren Eisenach oder in Verstecken im Hainich bessere Zeiten abzuwarten.
1630 durchzogen schwedische und kaiserliche Truppen die Orte unserer Region, zu Kampfhandlungen kam es nur gelegentlich, dafür plünderten beide Kriegsparteien immer heftiger die Orte. Es ging immer um Verpflegung, Pferde für den Anspann und natürlich auch um Beute. Zunehmend ließen sich auch die wenigen jungen Männer in den Dörfern von den Werbeoffizieren in die Regimentslisten eintragen. Lieber zukünftig andere plündern als weiter ein solches Leben führen zu müssen – solche Gedanken und der lockende Werbesold ließen dann rasch die Familien auseinanderbrechen. Letztlich ging die Bevölkerungszahl in den Orten auch aus diesem Grunde immer weiter zurück.
Schon Anfang der 30er Jahre kam es immer weniger zu Eheschließungen oder gar zu Geburten, wie die Pfarrer in den Kirchenbüchern vermerkten. So musste Pfarrer Johannes Heuse in Creuzburg zum Beispiel für die Jahre 1635 bis 1640 für die kleine Stadt 1.417 Tote eintragen, dem standen aber im gleichen Zeitraum nur 301 Geburten gegenüber.
Die Durchzüge kaiserlicher und schwedischer Truppen im Jahre 1630 – die Kaiserlichen zogen sich dabei nach Süden zurück – führten dazu, dass das Dorf Neukirchen gänzlich verwüstet wurde. Lauterbach wurde ebenfalls von plündernden Söldnern heimgesucht. Hierzu berichtet Pfarrer Franziskus Himmel: „Hans Schröters Weib war also erschreckt worden, als die Krieger ihren Mann geschlagen, daß sie auf den 9ten Tag starb‟, und: „Hombert Hasert haben die Krieger dermaßen gepreßt, betrübt und enerviert, daß er faßt gehend verstorben.‟
Im Sommer 1631 trat ein großer Teil der Bevölkerung die Flucht nach Eisenach an. Der kaiserliche Feldherr Tilly hatte sich um Mühlhausen ins Quartier gelegt und seine Söldnertrupps durchstreiften immer wieder die Orte des Werratales. Die Stadtmauern von Eisenach und der Umstand, dass die Stadt herzogliche Residenz war, schien noch etwas Schutz zu bieten. Auch Pfarrer Himmel begleitete mit seiner Familie die Mihlaer und schließlich gesellten sich auch die Herren von Harstall dazu. Ihre Schlösser waren nun auch nicht mehr vor den Söldnern sicher.
In Eisenach musste Pfarrer Himmel mehrfach Mihlaer zu Grabe tragen. Einige verstarben an den Folgen der Plünderungen, die sie noch zu Hause erlitten hatten. So schrieb der Pfarrer dann später in das Mihlaer Kirchenbuch: „Am 14. Juni 1631 getauft Nicolaus Steinmetz eine Junge Tochter … Damals waren wir zu Eisenach geflohen wegen des Tyllischen Raubvolcks, so zu Mühlhausen lagk.‟
Am 29. Juni – noch immer hielt man in Eisenach aus – ergänzte Pfarrer Himmel im Kirchenbuch: „Zu Eisenach, in der Flucht wegen des Tyllischen Kriegsvolckes Simon Stauchens jüngstes Söhnlein aus großen Schrecken, so die Mutter von Kriegern empfangen, gestorben und all da begraben.‟
Für den 10. Juli ist zu lesen: „Ist Matthias Steinmetzen eine junge Tochter zu Eisenach getauft. Die Mutter war nach Eisenach gekommen wegen des Tyllischen Volcks, so in unserer Gegend lagk und etliche Tyranney und schaden übte. Das Kindlein ist auch zu Eisenach gestorben, 10 Tage alt.‟
Als nach über vier Wochen die Rückkehr angetreten werden konnte, standen viele der Flüchtlinge vor neuen Problemen. Ihre Häuser waren geplündert und verwüstet worden. Pfarrer Himmel musste feststellen, dass auch das Pfarrhaus nicht verschont worden war, immerhin für die katholischen Söldner ein evangelisches Gotteshaus, vor dem man keinen Respekt haben musste!
Das Schlimmste, die Pest, sollte noch kommen…
Rainer Lämmerhirt
Mihla
