Vor 90 Jahren-Aus der Mihlaer Chronik

März 1933

– Am 1. März 1933 erfolgte ein Propagandamarsch der SA zur Vorbereitung der Reichstagswahl, die auf den 5. März angesetzt war. Von Neukirchen aus marschieren mehrere SA- Stürme über Berka, Bischofroda und Lauterbach nach Mihla.

Dort fand die Abschlusskundgebung statt. Die Hauptforderung der Redner war: “Die NSDAP in die Rathäuser!”.

– Die mit großer Spannung erwarteten Reichstagswahlen fanden in Mihla ohne größere Zwischenfälle statt. Folgende Ergebnisse gab es am 5. März 1933:

-NSDAP:               682 Stimmen,

-SPD:                    532 Stimmen,

-KPD:                      62 Stimmen,

-Reichsbanner:        79 Stimmen.

Damit war es der NSDAP gelungen, in der „SPD- Hochburg“ Mihla erstmals eine politische Mehrheit zu erringen. Große Wirkung erzielte der gemeinsame Fackelzug der NSDAP- Formationen gemeinsam mit dem Mihlaer „Stahlhelm“, dem Bund der ehemaligen Front-kämpfer, der mit vielen Reden vor dem Kriegerdenkmal am Anger vor allem die noch schwankenden ehemaligen Frontsoldaten angesprochen und beeinflusst hatte, so die Meinung von späteren Zeitzeugen.

– Am Tage nach der Wahl organisierte die Mihlaer NSDAP gemeinsam mit der SA eine Großkundgebung, in der die Forderung nach der „Übergabe des noch durch die SPD regierten Rathauses…“ in Mihla gestellt wurde.

Am Schluss der Veranstaltung marschiert eine SA- Abteilung vor das Mihlaer  Rathaus und hisste dort unter starker Beteiligung der Bevölkerung die Hakenkreuzfahne.

– Am 13. März forderten Vertreter der Mihlaer NSDAP während einer Ratssitzung die Übertragung der politischen Macht im Ort an die Partei. Dabei kam es zur Androhung von Gewalt durch in das Rathaus eingedrungene SA- Männer.

Öffentlich werden die SPD-Räte, die die Mehrheit im Gemeinderat stellten, der Korruption und der Unterschlagung öffentlicher Gelder beschuldigt.

Die energisch protestierenden SPD-Räte wurden schließlich gewaltsam gezwungen, den Sitzungssaal zu verlassen.

Die dann noch anwesenden Ratsmitglieder übertragen das Bürgermeisteramt, welches bisher nach dem Tode des früheren SPD-Bürgermeisters Hörschelmann vom 1. Beigeordneten Adam Felsberg ausgeführt wurde, kommissarisch an den Kaufmann Paul Lämmerhirt.

– Der Thüringer Landbund, in Mihla immer sehr wählerstark, verzichtete auf eine eigene Vertretung im Thüringer Landtag und im Gemeinderat und auf das Fortbestehen seiner eigenen politischen Organisation. Die meisten der Mitglieder treten in den nächsten Tagen der NSDAP bei.

– Am Tag der Reichstagseröffnung (21. März) in Potsdam gab die NSDAP-Kapelle Mihla ein Platzkonzert, anschließend zog ein Fackelzug durch den Ort. Lehrer Eisenträger hielt vor der versammelten Menge eine Rede, in der er auf die Bedeutung dieses Tages einging.

 April:

– Landesweit kam es am 1. April zu Boykottmaßnahmen gegenüber jüdischen Geschäften.

In Mihla gab es ein solches Geschäft im ehemaligen Krämerladen im Anbau des Gasthofes „Zum Schwan“. Der aus Netra stammende jüdische Kaufmann Bernhard Rothschild betrieb dort über einen Mihlaer Händler einen Textilwarenladen.

SA Posten zogen am 1. April vor dem Geschäft auf und die Mihlaer wurden mit Schildern aufgefordert, nicht mehr bei Juden zu kaufen.

Ausblick: Ein Jahr später…

Julius Rothschild wurde am 21. Mai 1898 in Netra als ältester Sohn des Aron Rothschild, eines alteingesessenen jüdischen Kaufmanns, geboren. Die Familie Rothschild lebte seit der Mitte des 18. Jahrhunderts in Netra.


Eine sehr seltene Aufnahme aus den 20er Jahren des letzten Jahrhunderts: Links die damaligen Gebäude der Fleischerei Müller, rechts die „Diele“ des Gasthofes „Zum Schwan“, 1933 Verkaufsladen des jüdischen Kaufmanns Julius Rothschild.

1917 wurde Julius Rothschild zum Militär eingezogen. Er nahm am Krieg an der Westfront bis zum Ende im Jahre 1918 teil.

Auch in Mihla griff nach der Machtergreifung Hitlers die antijüdische Stimmung rasch um sich. Führende Nazis im Ort wetterten offen gegen das einzige jüdische Geschäft in Mihla, welches Julius Rothschild gemeinsam mit einem Mihlaer Kaufmann betrieb.

Am 15. März 1934 hielt sich Julius Rothschild in Mihla auf. Nach dem Abschluss seiner Geschäfte wollte er im Gasthof „Zum Schwan“ übernachten. Seinen PKW hatte er wie immer unweit des Gasthofes abgestellt.

In dieser Nacht überfielen Mihlaer Nazis den ahnungslos Schlafenden, schlugen ihn so, dass er blutüberströmt zusammenbrach. Die Reifen seines PKWs wurden zerstochen.


Stolperstein für den im März 1934 ermordeten jüdischen

 Kaufmann Julius Rothschild am Mihlaer Anger.

Ein Anruf in Netra führte dann dazu, dass der schwer verletzte Kaufmann von der Familie abgeholt werden konnte.

Am 23. März 1934 verstarb Julius Rothschild an den Folgen des Überfalls im Eschweger Krankenhaus.

An das Geschehen erinnert ein „Stolperstein“ am Mihlaer Anger.

Die Täter wurden nie bestraft.

-Ortschronist Mihla-

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