Vor 500 Jahren: Die Reformation zog ins Werratal ein

Zur Predigt während des Festgottesdienstes der diesjährigen Praetoriustage erinnerte Frau Pastorin Breustedt an ein Ereignis vor 500 Jahren, dessen Wirkungen in den Orten des Werratales die gesamte bisherige Gesellschaft veränderten:

Am 1. September 1523 hielt ein aus Eisenach entlaufener ehemaliger Mönch in der Liboriuskapelle die erste Predigt nach „Lutherischer Art“.

Was ist darüber bekannt?

Am Standort der spätgotischen Liboriuskapelle in Creuzburg überquert die älteste Steinbrücke nördlich des Mains die Werra (um 1120). Diese günstige Lage führte dazu, dass bereits in vorreformatorischer Zeit eine Dankkapelle am südlichen Brückenkopf entstand. Zwar wurden bei den Sanierungsarbeiten im Jahre 2010 keine Reste des in Überlieferungen immer wieder genannten hölzernen Vorgängerbaus der Kapelle gefunden, dieser kann jedoch kaum in Zweifel gezogen werden. Der Heilige Liborius wurde in der Kapelle angerufen und um Hilfe gebeten, besonders bei der Linderung von Steinleiden. Die nahe gelegene Saline und der damals bereits vorhandene Solebrunnen wurden genutzt, um ein linderndes Getränk darzubieten.

Um 1400 in der Zeit gesteigerter Volksfrömmigkeit und der damit verbundenen Zunahme von Wallfahrten konnte das Creuzburger St. Jakobskloster zusätzliche Einnahmen der Gläubigen aus Besuchen in der Kapelle erwarten. Daher wurde im Jahre 1499 der noch heute erhaltene einschiffige Kapellenbau mit drei den Chorraum zierenden Maßwerkfenstern errichtet. Die in Creuzburg noch sehr lebhafte Erinnerung an das Leben der Heiligen Elisabeth von Thüringen und Hessen führte dazu, dass bereits wenig später eine Innenbemalung der Kapellenwände erfolgte.

44 Wandbildern stellten die Passionsgeschichte und das Leben der Heiligen Elisabeth dar. Dieses in Thüringen einzigartige Bildprogramm kann nur in der bereits geschilderten Zunahme religiöser Heiligenverehrung verstanden werden, die sich vor allem in den Wallfahrten ausdrückte.

Aber schon wenig später waren diese Zeiten vorüber. Luthers Reformation der Kirche fiel in Westthüringen auf fruchtbaren Boden.


Am 1. September 1523 wurde in der Kapelle, noch außerhalb der Stadt, der erste lutherische Gottesdienst gehalten.

Der dem Eisenacher Kartäuserkloster entlaufene Mönch Albert von Kempen predigte am 1. September 1523 in der Liboriuskapelle auf lutherische Art. Die Versuche der Priorin des St. Jakobklosters, dies zu verhindern, scheiterten und mit dem damaligen Bürgermeister Hase und dem Schullehrer Weiffert erhielt der Prediger starke Unterstützung.

Während sich die Spuren Alberts von Kempen alsbald verlieren kam noch im Herbst 1523 der radikale Pfarrer Hisolidus von Mühlhausen nach Creuzburg, der dann die evangelische Predigt auch in der Stadtkirche St. Nikolai hielt. Dies konnten die Nonnen von St. Jakob nicht mehr verhindern.

Matthäus Hisolidus, eigentlich Hitschold, war früher Benediktinermönch im Kloster Bosau bei Zeitz, wurde dessen Prior und wohnte bald darauf in Luther’s Gefolge der Leipziger Disputation zwischen Karlstadt, Eck und Luther bei.

Im Jahre 1522 predigte er, von Luther gesandt, das Evangelium in Mühlhausen, ehe er von dort aus auch Nachbarstädte bereiste und predigte.

Allerdings zeigte sich Hisolidus als Anhänger der Bilderstürmerei und schon kurz nach seiner Predigt müssen die Fresken der Liboriuskapelle übermalt worden sein.

Beinahe zeitgleich wurde auch im benachbarten Mihla lutherisch gepredigt.


Der Mihlaer Schnitzaltar entstand Ende des 15. Jahrhunderts. Er überstand die Bilderstürmerei radikaler Prediger in den 20er Jahren des 16. Jahrhunderts, indem die Mihlaer in abnahmen und an einer weniger wichtigen Stelle in der Kirche aufstellten.

Diese Vorgänge stehen mit dem damaligen Mihlaer Pfarrer Reinhard in Verbindung, der die Pfarrstelle seit 1495 innehatte. Noch im Jahre 1516, auf dem Höhepunkt innerkirchlicher Auseinandersetzungen, veranlasste er die Neubeschaffung einer Kirchenglocke. Diese wurde, wie die Inschrift besagt, an Ort und Stelle gegossen. Mit einem Durchmesser von 1.28cm wurde sie lange Zeit als die große Glocke bezeichnet und sie konnte alle Stürme der Zeit unbeschadet überstehen. Während die anderen Kirchenglocken jeweils im I. und II. Weltkrieg zum Einschmelzen abgegeben werden mussten, konnte dies durch die Kirchgemeinde mit dem Hinweis auf die kulturhistorische Bedeutung abgewendet werden und sie hängt noch heute, saniert, im Glockenhaus neben der Kirche.

Pfarrer Reinhard indessen ging schon im Jahre 1523 zum neuen Glauben über. Dies geschah sicher auch unter der Wirkung der Ereignisse in Creuzburg, Eisenach und Mühlhausen.

Vielleicht ist es ihm zu danken, dass der Mihlaer Altaraufsatz nach seiner Abnahme nicht vernichtet, sondern an anderer unauffälligerer Stelle aufbewahrt wurde und Ähnliches könnte für das Lindenholzkruzifix gelten. Die Mihlaer Herren von Harstall, Ernst und Hans von Harstall, zählten als Patronatsherren der Mihlaer Kirche damit zu den ersten Adligen der Region, die sich dem neuen Glauben zuwandten.

Zwei Jahre später erreichten die Unruhen des Bauernkrieges die Werraregion. Während der Adel der Region auf der noch gut befestigten Creuzburg Unterschlupf fand beteiligten sich viele Bauern der umliegenden Dörfer und auch etliche Creuzburger Bürger und Mihlaer Bauern an der Erhebung.

Nach deren Niederschlagung wurden nach späteren Chroniken vier der Creuzburger Anführer öffentlich auf dem Marktplatz hingerichtet.

Mit dem Ende des Bauernkrieges waren die radikalen Strömungen zur Umsetzung der Kirchenreformation weitgehend ausgeschieden. Lediglich die Wiedertäufer fanden in Creuzburg nochmals Rückhalt für ihre Lehren.  In Creuzburg wurde das Frauenkloster aufgelöst und dessen Besitz die Pfarrbesoldung und die Schule bezahlt.

Nochmals stand die Stadt kurzzeitig im Mittelpunkt des Geschehens, als Ende September 1529 Martin Luther auf der Reise von Wittenberg nach Marburg in Creuzburg übernachtete und wohl auch in der Stadtkirche predigte. Luther wollte am Marburger Religionsgespräch teilnehmen, zu dem Landgraf Philipp von Hessen eingeladen hatte.

– Lämmerhirt –

Nach Texten aus „Stätten der Reformation in Thüringen“, Sparkassen-Kulturstiftung Hessen-Thüringen, 2014

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