Eine Heldengeschichte aus früheren Tagen

Im Sommer des Jahres 1677 versammelten sich im Mihlaer Ritterschloss der Harstalls, dem „Vorderen Blauen Schloss“, neben der Ritterfamilie viele Gäste. Benachbarte Adelsfamilien trafen ein, aber auch etliche an der Kleidung leicht zu erkennende Offiziere des hessischen „Grünen Regiments“ und sogar einige dänische Offiziere.

Gegen Mittag dieses Tages zog dann der Zug aller Gäste gemeinsam mit der Familie Harstall und etlichen Geistlichen unter Führung des Pfarrers Himmel vom Schloss zur Mihlaer St. Martinskirche. Viele der Teilnehmer trugen schwarze Schärpen der Trauer über ihren Uniformen und Festkleidern.

Was war geschehen?

In der vollen Kirche war es dann genau zu erfahren, zudem konnte man es auch gut nachlesen, denn Pfarrer Heinrich Himmel hatte die Geschichte und den Tod des Ernst Christoph von Harstall, des ältesten Sohnes des drei Jahre zuvor verstorbenen Mihlaer Erblassers Adam Georg von Harstall, in einer der damals üblich gewordenen Leichenpredigen drucken lassen. Und so können wir heute auch noch daraus schöpfen und die Geschichte des Ernst Christoph von Harstall nachlesen.

Also, was war damals im Jahre 1677 geschehen?

Ernst Christophs Vater Adam Georg erreichte mit 73 Jahren ein hohes Alter. Er verstarb 1674 in Mihla und wurde in der Familiengruft unter der Kirche beigesetzt.

Von seinen Kindern sind Ernst Christoph (1629 geboren) und Johann Friedrich (um 1640 geboren) bekannt. Letzterer ging als kaiserlicher Obrist schon sehr früh nach Italien und begründete dort eine weitere Harstallslinie, die „Italienische Linie zu Bologna“, von der noch unliebsame Forderungen geltend gemacht werden sollten.

Ernst Christoph zog es ebenfalls zum Kriegsdienst. Sicher wollte er sich als ältester Sohn und Erblasser hier nur Grundlagen für sein späteres Wirken als Landjunker schaffen. Aber aus Ernst Christoph sollte bald der bedeutendste Kriegsheld der jüngeren Mihlaer Linie erwachsen.

Inzwischen hatte der junge Offizier geheiratet. Mit Anna Sabina Judith von Romrodt hatte er sich eine Frau aus einer adligen hessischen Familie ausgewählt und dies passte ganz gut zu seiner militärischen Laufbahn.

Da das Mihlaer Rittergut mit Vater und Vetter besetzt war, verblieb ihm zunächst nur die Möglichkeit, sich im Militär ein Auskommen zu suchen, um dann nach dem Tode des Vaters das Mihlaer Gut zu übernehmen. Im Dienst des Landgrafen Wilhelm VI. von Hessen-Kassel war er lange Zeit in dessen „Grünem Regiment“ tätig.

Seine große Stunde schlug während des Nordischen Krieges, der im Jahre 1674 ausbrach und auch das Deutsche Reich beeinträchtigte.

Hauptkriegsgegner in dieser langwierigen Auseinandersetzung waren das Königreich Schweden, dessen Herrscher Karl XI. die Großmachtstellung seines Reiches gegen die zweite nordische Macht, das Königreich Dänemark, und gegen das aufstrebende Kurfürstentum Brandenburg absichern wollte. Der schwedische König wurde in diesem Krieg von Frankreich unterstützt, während Dänemark und Brandenburg finanzielle Hilfe und auch Hilfstruppen aus Österreich und Spanien erhielten. Da der dänische König Christian V. mit der Tochter Charlotte Amalie des Landgrafen von Hessen-Kassel verheiratet war, setzte dieser, als der Krieg im Jahre 1676 die dänischen Gebiete direkt betraf, ein Hilfskorps in Marsch, dem auch eine Kompanie zu Pferde angehörte, deren Rittmeister Ernst Christoph von Harstall war.

Insgesamt unterstützten 1300 hessische Soldaten den Kriegszug gegen die auf der Insel Schonen einfallenden Schweden. Nach schweren Kämpfen mussten die Dänen und ihre Verbündeten im Verlauf des Jahres 1676 schwere Verluste hinnehmen. Erst im Frühjahr 1677 konnte an eine Offensive gedacht werden.


Gemälde des Rittmeisters Ernst Christoph von Harstall, unbekannter Künstler, Original im Museum im Rathaus Mihla.

Im Mai 1677 landeten 12 000 Dänen und Hessen bei Landskrona und zwangen die etwa 3000 Söldner starken schwedischen Kräfte, die Belagerung von Christiansstadt abzubrechen. Als neuer Oberkommandierender der dänischen Armee war Joachim Freiherr von der Goltz sehr erfolgreich.

Im weiteren Vormarsch erreichten die Dänen und ihre Verbündeten Malmö. Ein Angriff auf die stark befestigte und von Generalleutnant Fersen erfolgreich verteidigte Stadt misslang unter schweren Verlusten. Der Rückzug in Richtung Landskrona musste angetreten werden. Vor dieser Stadt trafen am 14. Juli 1677 die beiden Hauptarmeen aufeinander.

Der dänische König kommandierte den linken Flügel seiner Armee. Der schwedische König Karl XI. führte seine Truppen selbst an.

Es gelang den Schweden, den rechten dänischen Flügel so erfolgreich anzugreifen, dass sich die Truppen in Unordnung zurückziehen mussten.

In dieser Situation drangen schwedische Kürassiere auch auf den linken dänischen Flügel ein und es gelang ihnen, den König und sein Gefolge zu umklammern.

Rittmeister Ernst Christoph, der mit seinen hessischen Reitern in Reserve stand, bemerkte diese schwierige Situation und befahl eine Attacke. Diese gelang, die hessischen Reiter hieben den Dänenkönig heraus und retteten ihn vor der Gefangennahme.

Ernst Christoph, der an der Spitze seiner Truppen anritt, erhielt dabei drei Schüsse von schwedischen Kürassieren, die ihn tödlich verwundeten. Er starb noch auf dem Schlachtfeld, sein Leichnam konnte aber von den fliehenden Truppen mitgeführt werden.

Diese Heldentat blieb nicht ohne Auswirkung. Der dänische König ordnete für seinen Retter in Landskrona ein Staatsbegräbnis an. Die Nachricht vom Heldentod des Ernst Christoph verbreitete sich rasch und führte dazu, dass der Tote in seinem Heimatort Mihla mit einem großen Leichenbegängnis geehrt wurde. Die Predigt hierzu verfasste der mit der Familie eng verbundene Pfarrer Heinrich Himmel, der schon zum Ableben von Hermann Adolph, des Onkels des Rittmeisters, eine solche gehalten hatte.

Die feierliche Andacht, an der viele Offiziere und Kampfgefährten des Rittmeisters, darunter auch dänische Offiziere, teilnahmen, fand in der Mihlaer St. Martinskirche statt. Ein Offizier des dänischen Königs vermeldete, dass dieser den Nachfahren des Rittmeisters für die an ihm geleistete Heldentat, die Errettung vor dem Tode, der Familie den Freiherrentitel verliehen habe. Nach der Familientradition ziert seitdem ein Lorbeerkranz, der die Schwingen der Adlerflügel verbindet, das freiherrliche Wappen der Familie.

Die Witwe des Rittmeisters, Anna Sabina Judith, geborene von Romrodt, lebte bis zu ihrem Tode im Jahre 1686 hoch verehrt als „Frau Rittmeisterin“ in Mihlaer Schloss. Bis zu ihrem Tode hielt sie für ihre unmündigen Söhne Wilhelm Ludwig Ernst und Georg Hermann die Leitung des Rittergutes in den Händen.

Das Ansehen der Witwe bewahrte sie jedoch nicht vor einem Schuldprozess, in dem sie vom herzoglichen Gericht in Eisenach im November 1678 wegen nicht bezahlter Schulden an den Mihlaer Johann Heinrich Barmeyer gestellt wurde. Der Originalbrief des Gerichts, gerichtet an „die von Romrodt Wittib und an ihren Vormund, Hans Reinhardt von Harstall“ (im Roten Schloss) ist im Original erhalten.


Auszug aus der Leichenpredigt des Mihlaer Pfarrers Heinrich Himmel anlässlich der Trauerfeier für den gefallenen Rittmeister Ernst Christoph im Sommer 1677 in der Mihlaer Kirche.
Himmel spricht hier den Angehörigen Trost wegen des plötzlichen Todes im Kriege zu. Er bezeichnet diesen Tod als „schnellen Tod“, dem ein schneller Ritt in den Himmel folge, Ortsarchiv Mihla, Heimatglocken.

Rainer Lämmerhirt
-Miha-

 

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