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Das Gästebuch des Grauen Schlosses, Schluss

Nochmals eine Hochzeit

Im Oktober 2020 erhielt ich von der Urenkelin des letzten Harstall im Grauen Schloss, Georg Ludwig Ernst, ein Paket mit Familienfotos und einem alten Gästebuch. Frau Barbara Kuhlmann hatte sich davon getrennt, weil sie, die ohne Kinder oder interessierte Nachfahren in Hamburg lebt, der Meinung ist, diese Gegenstände wären im Mihlaer Museum besser aufgehoben.

Beim Betrachten des Gästebuches stellte ich rasch fest, dass ich da etwas ganz Besonderes in den Händen hielt…

Nach der Schlacht von Stalingrad und dem Untergang der 6. Armee im Februar 1943 finden sich im Gästebuch des Grauen Schlosses der Familien von Harstall und Große-Brauckmann kaum noch „zivile“ Eintragungen.

Ab und zu kehrten noch Verwandte oder Bekannte ein, oft aber bei ihrer Eintragung als „auf Urlaub“ oder „Flakhelfer“ bezeichnet.

Im Mai 1944 waren nochmals Familienmitglieder zum 20sten Geburtstag von Sabine Große-Brauckmann zu Gast. Doch schon bald musste die junge Frau als Krankenpflegerin ins Lazarett nach Liebenstein einrücken.


Eine Panzertruppe, die sich im November 1944 im Schloss einquartiert hatte, hinterließ diese Seite.

So wurde es im Schloss einsam. Große-Brauckmann war im Februar 1944 der Wehrmacht unterstellt worden und geriet im Juli 1944 bei Cherbourg in Nordfrankreich in US-amerikanische Kriegsgefangenschaft.  Damit wurde die Lage in Mihla für die Familie immer verzweifelter, zumal auch Hans-Joachim Wolff von Gudenberg, der Enkel des Barons, seit 1941 im Krieg war. Der alte Baron kränkelte zusehends und alle Last der Führung des Gutes lag auf den Schultern von Annemarie Große-Brauckmann.

Von Große-Brauckmann trafen nur ganz spärliche Nachrichten ein. Die Familie erfuhr schließlich, dass er in ein Kriegsgefangenenlager in die USA verbracht worden war.

Ende November 1944 wurden Panzersoldaten im Schloss einquartiert. Als sie ihr Quartier wieder verließen, verewigten sie sich mit der Zeichnung eines Panzers III und einem kleinen Spruch, den der Unteroffizier Georg Schmid eintrug. Auch im Januar und März 1945 kam es zu militärischen Einquartierungen.

In dieser düsteren Situation des letzten Kriegswinters verstarb der alte Baron Georg Ludwig Ernst nach kurzer Krankheit am 28. Februar 1945.

Im Dorf wurde gemunkelt, den Baron hätten die Sorgen ins Grab gebracht. Er erhielt sein Grab im Erbbegräbnis auf dem Mihlaer Friedhof. Die Familie selbst sah seinen Tod gerade in jener schweren Zeit als schlechtes Zeichen für die Zukunft. Und so kam es dann auch.

Anfang April wurde Mihla Kampfgebiet. Noch am 31. März waren auf dem Rückzug der deutschen Truppen 45 Soldaten einer Einheit des Reichsarbeitsdienstes untergebracht. Oberwachtmeister Heinrich Straub leistete die letzte Eintragung im Gästebuch vor dem Einmarsch der Amerikaner. Er bedankte sich für die Aufnahme und „liebevolle Fürsorge…“ seiner Männer, die wohl am Tage darauf noch vor Beginn der Kämpfe Mihla verließen.

Am 4. April waren die US-Soldaten im Ort. Von ihnen gibt es keine Eintragungen. Jedoch von allen Mitgliedern der Familie als „Lichtblick“ empfunden dann die Mitteilung, dass Sabine Große-Brauckmann beabsichtigte zu heiraten.

Sie hatte während ihres Einsatzes im Lazarett Liebenstein den dort wegen seiner schweren Kopfverwundung liegenden Hauptmann Armin Kuhlmann kennen gelernt.

Aus der Beziehung wurde bald Liebe und im Frühjahr war man sich auch mit der Familie einig, Hochzeit zu feiern. Eine nicht unbedenkliche Entscheidung, denn Kuhlmann, der im Januar 1918 als Sohn eines Missionars in Omaruru im damaligen Südwestafrika geboren wurde, war zwar aufgrund seiner Verwun-

dung aus den Dienst der Wehrmacht ausgeschieden, seine militärische Vergangenheit konnte aber durchaus negativ gesehen werden.

So vereinte die Verlobungsfeier am 6. Mai und die Hochzeit am 14. Juni nochmals alle erreichbaren Familienmitglieder und Freunde. Dazu zählten auch die Pfarrersfrau Hella Hoffmann und Pfarrer Moritz Mitzenheim, die sich gemeinsam mit Verwandten ins Gästebuch eintrugen

Pfarrer Moritz Mitzenheim, inzwischen wegen seiner Zugehörigkeit zur „Bekennenden Kirche“ und seines Einsatzes gegen die „Deutschen Christen“ bereits als zukünftiger verantwortlicher Kirchenpolitiker in Thüringen gehandelt, traute das Paar in der Mihlaer Kirche.

Nochmals zeigte die nunmehr dem Untergang verurteilte Adelsgesellschaft einen Abglanz einstiger Herrlichkeit, die Hochzeit wurde trotz aller Bedenken mit dem höchstmöglichen Aufwand gefeiert. Natürlich blieb letztlich alles doch bescheiden, aber auch aus dem Dorf gab es viele Gratulationen und Wünsche für die Zukunft.

Was man bei den vielen während der Hochzeit geführten Gespräche wohl nicht ahnte, war die weitere Entwicklung.


Mit der Hochzeitsfeier von Sabine Große-Brauckmann und Armin Kuhlmann im Juni 1945 entfaltete sich letztmalig die Pracht des alten Adels.

Drei Wochen später quartierten sich sowjetische Truppen im Grauen Schloss ein,

Museum im Mihlaer Rathaus.

Ende Juni verdichteten sich die Gerüchte über den Abzug der amerikanischen Streitkräfte aus Thüringen. Darüber war offiziell nichts zu erfahren, auch nicht durch die „Hessische Post“, der ersten Tageszeitung, die nach dem Kriegsende ab Mitte Mai wieder erschien und einen eigenen Thüringenteil aufweisen konnte.

Daher war die Einwohnerversammlung, die am Abend des 29. Juni im „Mohren“ stattfand, nicht nur die erste dieser Art, sondern auch eine voller Unruhe und Ungewissheit. Über 200 Teilnehmer erfuhren so vom einladenden Antifaausschuss erstmals etwas über eine bevorstehende Bodenreform.

Am Tage darauf verließen die amerikanischen Besatzungstruppen Mihla ohne jegliche Vorankündigung. Sie rückten ab, nachdem sie noch zahlreiche Beschlagnahmungen von für sie interessanten Gütern durchgeführt hatten.

Beinahe alle im Ort noch vorhanden Kraftwagen wurden zum Beispiel von ihnen mitgeführt. Mit den Amerikanern verschwanden auch etliche Mihlaer, die einer Zukunft mit den nun zu erwartenden Russen nichts abgewinnen konnten. Aus Angst vor dem Einmarsch der Russen verbargen sich etliche Jugendliche in den Hainichwäldern.

Zwei Tage war Mihla ohne jegliche Besatzung. Erst am 2. Juli rückten die ersten russischen Truppen ein. Was für ein Unterschied zu den Amerikanern! Die russischen Soldaten kamen mit Panjewagen und Pferdegeschirren und machten im Vergleich zu den selbstbewusst auftretenden US-Soldaten keinen guten Eindruck.

Dementsprechend versuchte man zunächst große Rückhaltung im Umgang mit den neuen Besatzern an den Tag zu legen. Enge Kontakte gab es vom ersten Tag an zu den Mihlaer Kommunisten um Bürgermeister Eisenträger, die sich nun wesentlich mehr Unterstützung in der Verwirklichung ihrer Ziele erwarteten.


Auf den letzten 13 Seiten des Gästebuches berichten russische Offiziere und Soldaten, die über mehrere Monate im Grauen Schloss einquartiert waren, über ihr Leben und ihre Hoffnungen. Immer wieder grüßen sie die „Gastgeberin“.

Die russischen Truppen quartierten sich in der Schule und den beiden Schlössern ein. Die Freifrau von Harstal, die Familien Große-Brauckmann und Kuhlmann mussten im Grauen Schloss eng zusammenrücken, um das Hauptquartier der Besatzungseinheit und die dazugehörigen Offiziere und deren Burschen unter zu bringen und zu bewirten. Keine leichte Situation, kamen doch die meisten russischen Offiziere mit viel Hass auf die Deutschen, besonders aber für deutsche Adlige, in denen sie meist die Wurzel des Faschismus, vor allem aber des Militarismus, sahen!

Und so zeigen die letzten Eintragungen im Gästebuch den Wandel der Zeit. In den Monaten Mai bis Ende 1945 trugen sich immer wieder „Heimkehrer“ ein, die meist eine Nacht auf dem Weg in ihre Heimat und eine ungewisse Zukunft im Schloss unterkamen. Im Oktober 1945 besuchte Pfarrer Boelter die Familie und blieb einige Tage.

Die letzte Eintragung dann im Februar 1946 eines Unbekannten:

„Die Unvollkommenheiten auf dieser Erde werden durch die Menschen geschaffen. Man muss sehr stark sein, um beide, Menschen und böse Dinge, ertragen und so weit wie möglich bessern zu können. Und doch kann uns nur der Mensch retten.“

Vier Tage später dann die Eintragung eines russischen Offiziers. Diese waren nun für die nächsten Monate mit ihren Burschen im Schloss einquartiert. Für die alte Frau von Harstall, die wenig später starb, war es sicher nur schwer zu ertragen und für Annemarie Große-Brauckmann und das junge Paar Kuhlmann wurde es sehr eng im Schloss.

Die letzten 13 Seiten des Gästebuches sind angefüllt mit kyrillischen Buchstaben und Texten. Die meisten harren noch ihrer Entschlüsselung, aber was man lesen kann, berichtet von der Freude des Sieges und der Hoffnung auf Heimkehr. Aber auch Grüße an die „Frau“, also Annemarie Große-Brauckmann, lassen erkennen, dass die meisten der russischen Offiziere durchaus Anstand hatten und diesen auch zeigten.

Was dann im nächsten Jahr folgte, darüber berichtet das Gästebuch nicht mehr: Bodenreform, Enteignung und Vertreibung der Familien. Sabine Kuhlmann behielt das Gästebuch und so kam es in die Hände von deren Tochter Barbara und so noch vielen Jahrzehnten wieder nach Mihla zurück.

-Rainer Lämmerhirt
-Ortschronist Mihla-

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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