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Das alte „Milinga“-eine Urkunde Karl des Großen

Über die möglichen historischen Anfänge von Creuzburg und Mihla

Am 3. August des Jahres 775 schenkte der König der Franken, Karl, während eines zu Düren bei Aachen abgehaltenen Hoftages in Vorbereitung eines Feldzuges gegen die Sachsen dem Kloster Hersfeld den Zehnten an Einkünften des Gebietes und Waldes des Fiskalgutes Milinga, östlich an der Werra (super fluvium Wisera partibus orientalis) sowie des Fiskalgutes Tennstedt (Dannistath) im Altgau (in pago Altgawi).[1]

Mit dieser Urkunde begann in der Vergangenheit die Geschichte Creuzburgs und Mihlas. Bereits Dobenecker verwies in seiner Urkundensammlung und der Veröffentlichung dieser Königsurkunde darauf, dass mit „Milinga“ … vielleicht Mihla bei Eisenach…“. gemeint sei.[2]

Spätere Historiker übernahmen diese Vermutung immer wieder, so auch Hans Patze in seiner grundlegenden Schrift „Die Entstehung der Landesherrschaft in Thüringen“ aus dem Jahre 1962.[3]

Noch in seinem 1989 erschienenen Band „Handbuch der historischen Stätten Deutschlands – Thüringen“ verwies Hans Patze darauf, dass „… Mihla, das, im Gegensatz zu Creuzburg auf dem rechten Ufer der Werra liegt, altes Königsgut (sei). Zur Erstausstattung von Kloster Hersfeld schenkte Karl der Große 775 dem Königsgut aus dem Fiskalgut Mihla… “.[4]

Die Namensähnlichkeit des Königsgutes „Milinga“ mit Mihla bot sich für alle Forscher regelrecht an. Selbst Kenner der Region an der Werra stimmten in diese Auslegung der Urkunde von 775 ein und deshalb wäre die Jahrfeier 1987 in Mihla wohl beinahe einige Jahrzehnte zu spät gekommen.

Erst in den 70er Jahren des letzten Jahrhunderts wurden Zweifel angemeldet. Dabei kommt den Lokalhistorikern Emil Felsberg und Paul Botzum aus Mihla[5] sowie dem Hallenser Historiker Dr. Raymund Falk[6] das Verdienst zu, den entscheidenden Durchbruch zur Neuinterpretation der Quelle geliefert zu haben.

Dem Frankenkönig Karl ging es bei der Vergabe von Zehnten aus seinen Königshöfen an das gerade durch Bischof Lul begründete Missionskloster Hersfeld darum, diese neue kirchliche Einrichtung so wirtschaftlich zu stärken, dass es für die ihm zugedachte Aufgabe, den christlichen Glauben in die östlichen Gebiete Thüringens und vor allem Sachsens zu tragen, die notwendige Kraft entwickeln konnte. Für diese Aufgabe opferte der König offensichtlich sogar ihm zustehende Einkünfte aus jenen Königshöfen, die bereits einige Jahrzehnte früher während der fränkischen Landnahme der zum Thüringer Königreich zählenden Landstriche entlang der Werra angelegt worden waren.

Einer dieser Königshöfe, dessen Name nun im Jahre 775 erstmals schriftliche Erwähnung fand, war auf einem steilen Hügel oberhalb eines schon seit langer Zeit genutzten Werraübergangs entstanden.

Bei „Milinga“ handelt es sich also nicht um eine alte Umschreibung von Mihla, sondern gemeint war jener fränkische Königshof am Werraübergang beim heutigen Creuzburg.

Unklar bleibt dabei, was „Milinga“ eigentlich namentlich meinte.

Der westfälische Heimathistoriker Karl Westermann leitete für die Namensdeutung des Ortes Millingen bei Rees in Nordrheinwestfalen bereits 1931 einen Zusammenhang zu „mol“ oder „mel“ des Keltischen ab, was so viel wie Wasser bedeutet.

Altgermanisch wäre auch eine Ableitung von der Wortwurzel „-mel“ für Zerreiben möglich, vielleicht bezeichnete Milingen oder Milinga die Örtlichkeit von Mühlen, die im späteren Creuzburg ausreichend vorhanden waren.[7]

Zuletzt sei noch auf eine Deutung aus der Chronik des Amtes Millingen hingewiesen, nach der die Silbe „mil“ aus „milo“ in der Bedeutung „des Herren“ verstanden werden könnte. Danach meinte der Ortsname Milingen vielleicht „des Herren Heim oder Ort…“.[8] Durchaus vorstellbar für einen Ort, in dem der König gebot und die Übereinstimmung mit einem gleichnamigen Ort, der auch sehr starke fränkische Wurzeln besitzt, wäre letztlich nachvollziehbar, würde aber auch bedeuten, dass der Königshof Milinga wohl eine Gründung fränkischer Siedler, sicher sogar im Auftrag der fränkischen Herrscher gewesen ist, es also keine ältere germanische Siedlung an diesem Werraübergang gab. Mit Sicherheit bezeichnete der Name „Milinga“ bald nicht nur den Königshof als solchen, sondern wurde für das gesamte dem König gehörende Gebiet, den Fiskalbezirk, gebraucht.

Dabei dürfte sich das eigentliche Zentrum, also der befestigte Hof, auf dem heutigen Burgberg befunden haben. Ob dabei eine ältere Befestigung aus germanischer Zeit oder gar ein Heiligtum eine Rolle spielte, welches nach einer der zahlreichen Bonifatiuslegenden den Missionar der Deutschen bewogen haben soll, dort ein Kreuz aufzurichten, kann nicht geklärt werden, gehört aber sicher mehr zu den mündlichen Überlieferungen späterer Jahre, mit denen man den Namen der am Werraübergang entstehenden Siedlung erklären wollte.[9]

Zu einem Königshof dürfte auch immer eine Kapelle gehört haben–weltliche und geistliche Absicherung der Königsherrschaft gingen Hand in Hand, vielleicht liegt hierin der Ursprung der Namensgebung Creuzburg begründet, die sich für die Siedlung am Burgberg bereits im 10. Jahrhundert durchsetzte.[10]


Die Creuzburg im Jahre 2015, Blick von Süden.

Der Bergkegel sperrte den uralten Handelsweg, der von Westen herkommend hier die Werra erreichte, regelrecht ab und bot sich daher als befestigter Burgsitz an. Vermutlich waren die Franken die ersten Bewohner, die den Platz befestigten.

Im 8. Jahrhundert entstand im Auftrag der fränkischen Könige ein Königshof auf dem Berg oder in seiner unmittelbaren Nähe, das Zentrum des Königsgutes Milinga.

Milinga ordnete sich ein in die in gleicher Zeit errichteten königlichen Güter am Oberlauf der Werra in Salzungen, Meiningen und in anderen Orten.

Zu diesem Königshof gehörte sicher auch eine Kapelle, die dann die Grundlage für die Legende bildete, auf dem Berg sei ein Kloster errichtet worden. Dieses Kloster hätte mit der Anlage der mittelalterlichen Burg durch die Landgrafen von Thüringen zu Beginn des 13. Jahrhunderts eine örtliche Verlagerung erfahren. Hinzu kam die Legende, Bonifatius habe dort ein christliches Kreuz aufgestellt.

Mihla lag zunächst abseits der wichtigen Fernhandelswege. Erst mit dem von Milingen über Hahnroda (Klosterholz) kommenden Weg, der über eine im Bereich der heutigen Mihlaer „Bachbrücke“ liegenden Furt unseren Ort erreichte und über den Hainich (spätere Flurbezeichnung „Am Krämerberg“, „Hohe Straße“, „Steiger“) Anschluss an den Hauptverbindungsweg zur Un-strut fand, entstand für die Franken eine nicht unwichtige Querverbindung. Dies kann auch schon in früher fränkischer Zeit geschehen sein, zumal die über den Hainich ins Werratal abzweigende Straße als „Holzstraße“ eigentlich eine „Salzstraße“ ist und ebenfalls zu den ältesten Wegeverbindungen der Region zählt.[11]

Noch interessanter erscheint die namentliche Erschließung Mihlas.

Dazu in einer späteren Folge mehr.


Wir blicken auf die Ortszentren von Creuzburg und Mihla. Beide Orte gehörten wohl im Ursprung zum Königsgutbezirk Milinga, der in einer Schenkungsurkunde Karl des Großen im Jahre 775 erwähnt wurde.

 

-Rainer Lämmerhirt, aus: Das Amt Creuzburg, Verlag Rockstuhl

[1] Dobenecker, Otto, Regesta diplomatica necnon epistolaria historiae Thuringia, Jena 1896, Bd.1, Nr. 33.

[2] Vgl. ebenda, Anmerkung 1.

[3] Vgl. Patze, Hans, Die Entstehung der Landesherrschaft in Thüringen, 1. Teil, Köln, Graz 1962, S. 52.

[4] Vgl. Patze, Hans, Handbuch der historischen Stätten Deutschlands, Thüringen, Stuttgart 1989, S. 279.

[5] Emil Felsberg (1917–1988) wirkte als Schuldirektor in Mihla und hatte großen Anteil an der Erforschung der Ortsgeschichte. Ihm ist die Richtigstellung der Ersterwähnung des Werraortes zu danken, die dann in die Feierlichkeiten zum 1200jährigen Ortsjubiläum 1987 mündeten. Paul Botzum (1933–1999) Frisörmeister in Mihla, konnte durch die Kontakte zu seinem Schwager, dem Hallenser Kirchenhistoriker Raymund Falk, die entscheidenden bisher in der Forschung kaum beachteten Urkunden zur Klärung der Ersterwähnung beibringen.

[6] Der aus Heyerode stammende Dr. Raymund Falk beschäftigte sich in zahlreichen Aufsätzen mit der Regionalgeschichte des Eichsfeldes und des Hainichgebietes. Dabei konnte er aufgrund seiner Tätigkeit an der Theologischen Fakultät der Universität in Halle auch Urkundenbücher einsehen, die für Lokalhistoriker in der DDR kaum zu beschaffen waren. Von ihm gingen wichtige Anstöße zur Neubewertung der Mihlaer Geschichte aus.

[7] Vgl. Westermann, Karl, Flur– und Siedlungsnamen des Kreises Rees, Band VII Heft 5, Wesel 1931.

[8] Vgl. de.wikipedia.org/wiki/Millingen_(Rees), 29.07.2016.

[9] Der Creuzburger Propst des mittelalterlichen Augustinerinnenklosters St. Jakob, Johann Craemer, berichtete in seiner bis zum Jahre 1514 geführten Chronik, die nach seiner Aussage auf älteren Mitteilungen beruhen soll, dass Bonifatius ein Kloster auf dem Burgberg gegründet habe. Vgl. Coburger, Antje, Das Mittelalter – Der frühmittelalterliche Siedlungsraum, in: 800 Jahre Creuzburg, eine Festschrift, Creuzburg 2013, S.13.

[10] Der Text der Urkunde lautete: „Otto (II:) bestätigt auf Bitten des Erzbischofs Adalebert von Magdeburg und des Werinhar, Abt von Fulda, einen zwischen den beiden geschlossenen Tausch namentlich angeführter Orte. Das Tauschgeschäft ist bereits von seinem Vater in Trebur getätigt worden. Der Erzbischof gibt in der Provinz und Grafschaft Ostthüringen Tüngeda, Gräfentonna, Brüheim, Ostmilinge, Creuzburg und die ganze Mark Uestmilingero, Dachwig, Walschleben, Heilingen, Rockstedt und Salzungen. Dafür erhält der Erzbischof auf seine Bitte aus kaiser-lichen Besitz…“. Aus: Urkundenbuch des Erzstiftes Magdeburg, Teil 1 (937–1192), bearb. von Israel, F. Magdeburg 1937, Nr. 78.

[11] Vgl. Röth, Erich, Sind wir Germanen? Bad Langensalza 2006, S. 152ff.

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